Chiemsee, 21. Juli — rückblickend

Vom 21. Juli 2020 existiert in keiner meiner Bildbibliotheken eine Aufnahme. Ich habe das später gemerkt, beim Sortieren — am Vortag schließen die Fotos um 20:51 mit einem Sonnenuntergang über dem See, am 22. Juli um 07:33 mit Nebel über demselben Wasser. Zwischen den beiden Zeitpunkten zehn Stunden Dunkelheit und vierzehn Stunden ohne Klick.

Ich erinnere mich nicht, was an dem Tag war. Vermutlich nichts. Wir standen auf dem gleichen Stellplatz wie am Tag davor und am Tag danach. Es war Hochsommer, sechsundzwanzig Grad, wir hatten gekocht, gelesen, geschwommen. Vielleicht noch einmal. Vielleicht doppelt. Vielleicht zwei Pausen-Stunden, die in keinen Plan passen.

Mit fünfzig wird man sentimental über Tage, die in der Erinnerung fehlen. Das ist eine erste, kindliche Reaktion — man hätte etwas gemacht, wenn man gewusst hätte. Aber das ist genau die Sorte Tag, die man nicht produzieren kann. Sie passiert, oder sie passiert nicht. An ihrem Vortag rechnest du mit nichts. Am Folgetag merkst du nicht, was du gestern nicht gemacht hast.

Als Kind hätte mich ein Tag ohne Tat beunruhigt. Ich kann das genau sagen, weil ich solche Tage als Kind kannte und sie zu meinem Bedauern als Versagen einsortiert habe. Heute habe ich sie unter eine andere Überschrift gestellt: das Unproduktive, das so leicht zu spät anerkannt wird, dass viele Jahre vergehen, bevor man sieht, was es war.

Vermutlich nichts. Vermutlich genau das.