Schweizer Jura, 14. Juli. Erster Abend im Sprinter.
Wir stehen in Val-de-Travers, weil das Wetter es so beschlossen hat. Auf dem Display der Standheizung leuchtet eine Diagnose-LED, deren Bedeutung wir noch nicht kennen — wir kennen den Wagen erst seit ein paar Tagen. Das ist der Test: ob wir ihn kennenlernen wollen.
Der Sprinter gehört nicht uns. La Strada hat ihn uns für diese zwei Wochen gegeben, und wir prüfen ihn so, wie man ein Werkzeug prüft, das man kaufen wollen könnte. Ein Kastenwagen-Ausbau mit dem typischen La-Strada-Innenleben — Holz, gepolsterte Sitzgruppe, eine Küche, die so funktioniert wie ein vernünftig konstruiertes Werkzeug. Hinter uns liegen über zehn Jahre mit dem Wohnmobil, mit den passenden Routinen, mit Karten, in denen die guten Stellplätze markiert sind, mit dem Komfort, der dazugehört. Davor: Camping als Kind, eine lange Pause, der Wieder-Einstieg.
Was wir hinter uns lassen wollten, war das System dahinter: Schranke, Anmeldung, Parzelle, Hausordnung. Wir wollten selber entscheiden, wo wir stehen und was wir tun. Die Frage war: wie viel Wagen braucht das?
Vor uns liegen zwei Wochen — und die Antwort. Sie wird sich nicht heute Abend zeigen. Sie wird sich über die Pässe verteilen, über die Stellplätze, über die zweite Stunde Regen oberhalb von Filisur und die erste Stunde Sonne am Chiemsee. Sie wird sich in Details auflösen, die wir vorher nicht für wichtig gehalten hätten: wie der Wassertank klingt, wenn er halb leer ist. Wie weit das Bett ist, ohne dass jemand etwas verstellen muss. Wie lange die Standheizung braucht, bis ihre LED grün wird.
Es regnet weiter. Auf dem Display leuchtet die LED weiter gelb. Wir haben noch dreizehn Tage.
Schweiz, 15. Juli. Querung.
Wir brechen um fünf Uhr vierzig auf, weil der Tag weit werden wird. Im Wohnmobil hätten wir gewartet — auf die Rezeption, die Schranke, irgendjemanden. Im Sprinter steigen wir ein und fahren. Val-de-Travers liegt im Halblicht. Kein Mensch auf der Straße, keine Schranke, kein Anmeldebuch. Wir kommen aus dem Wagen, schließen die Tür, fahren.
Im Lauf des Vormittags rollen wir nach Osten. Bern kommt, Thun kommt, der Thunersee kommt. Am frühen Nachmittag biegen wir bei Spiez ab und folgen der Aare ins Haslital. Der Sprinter hängt sich an die Steigung. Diesel-Drehzahl bei 2.500, vierter Gang, dann dritter. Die Strecke nach Innertkirchen ist eng, aber der Wagen passt — gerade so. Wir lernen den Wendekreis kennen, wie man eine fremde Stadt kennenlernt: in den engen Stellen vor den Tunnels, gegenüber den Bushaltestellen, an den Spitzkehren mit drei Wagen Gegenverkehr.
Der Grimsel hat einen blauen Stausee oben. Wir stehen kurz, machen das Foto, fahren weiter. Eine Stunde später der Furka — höher als der Grimsel, kahler, mit Sicht in alle Richtungen. Vom Furka geht es zurück ins Haslital. Um 18:16 stehen wir in Guttannen, einem Dorf direkt unter dem Grimsel. Die Standheizung läuft auf zwei, weil es trotz Sommer kalt geworden ist.
Wir essen knapp und schlafen früh. Vor dem Fenster ist es still — kein Nachbar im Wohnwagen, keine Schranke, kein Buch zum Eintragen. Nur ein Bach, den man hört, wenn man die Klappe einen Spalt offen lässt.
Guttannen, 16. Juli. Vormittag.
Wir wachen spät auf, weil uns niemand weckt. Die Aare läuft draußen wie ein gleichmäßiges Atemgeräusch. Die Standheizungs-LED am Display ist längst aus, im Sprinter ist es siebzehn Grad. Frühstück ist Brot, Käse, Kaffee — wir haben das jahrelang im Wohnmobil gemacht, hier ist es enger, aber es funktioniert.
Gegen elf gehen wir ein paar Schritte durchs Dorf. Guttannen ist klein — ein paar Häuser an der Hauptstraße, eine Kirche, der Bach. Wir laufen bis zum Ende der Dorf-Bebauung und zurück. Niemand fragt uns nach etwas. Niemand zeigt uns einen Stellplatz.
Mittags brechen wir auf. Heute kein Fünf-Uhr-vierzig, kein Vorhaben — nur ein Ziel: die Ruinaulta. Die Schlucht des Vorderrheins, irgendwo zwischen Ilanz und Reichenau. Wir fahren über den Sustenpass und den Oberalp und durch die Surselva, ohne anzuhalten. Es sind 130 Kilometer bis zur Schlucht. Wir nehmen sie ohne Pause.
Il Spir, später Nachmittag.
Vom Parkplatz bei Conn sind es zehn Minuten zu Fuß. Eine Plattform aus Stahl und Holz, die über die Kante ragt. Wer durchläuft, hat die Schlucht direkt unten.
Der Vorderrhein dreht sich. Türkis, manchmal grau, weil das Wetter sich kurz vor uns geändert hat. Auf den Schuttkegeln stehen einzelne Föhren, die aussehen wie Markierungen — Hochpunkt eins, Hochpunkt zwei, Hochpunkt drei. Das Geräusch der Schlucht ist nicht eins, es sind mehrere: der Rhein weit unten, der Wind in den Föhren, das eigene Atmen, das man hier merkt. Wir stehen drei Minuten. Vielleicht vier. Wir reden nicht.
Diese Schlucht ist noch jung. Vor neuntausend Jahren ist hier ein halber Berg abgerutscht, mehrere Milliarden Kubikmeter Gestein, und der Rhein hat sich seither hindurchgegraben. Wir wissen das nur, weil es auf der Tafel am Anfang des Wegs steht. Drei Aufnahmen vom selben Punkt — Weitwinkel, Tele, eine mit der Plattform im Vordergrund. Keine davon wird das wiedergeben.
Wir gehen zurück zum Sprinter. Filisur liegt eine Stunde östlich, im Albulatal. Wir kommen mit Regen an.
Davos, 17. Juli. Regen.
Filisur hatten wir nur als Übernachtung — Stellplatz am Bahnhof, leiser als erwartet. Morgens fahren wir nach Davos, einundzwanzig Kilometer Albulatal. Es regnet seit der Nacht. In Davos parken wir, kaufen Brot und Käse, gehen entlang des Sees zurück zum Wagen. Wir reden über das Bett.
Es ist nicht der Komfort, der fehlt — wir sind reduziert genug, dass das geht. Es ist die Geometrie. Der Sprinter hat ein Querbett, knapp zwei Meter, aber knapper als wir es im Wohnmobil hatten. Wir liegen schräg, jeder anders. Das war eine Nacht okay, die zweite auch. Heute ist es die vierte. Wir notieren das, fahren weiter.
Am Albulapass kippt das Wetter. Wolken brechen auf, die Berge sehen plötzlich anders aus — schwarz im Schatten, hell im Sonnenrest, mit dem Sprung, den man kennt, wenn die Luft trocken wird. Engadin nach unten. Silvaplana liegt am See, ein bleichgrüner Eingang in eine andere Schweiz. Wir bleiben zwei Nächte, weil der Ort dazu einlädt: ein Wassersport-Hafen, eine Bäckerei, ein kleiner Stellplatz hinter dem Campingplatz, der nicht offiziell ist und auf den keiner besteht.
Am dritten Morgen fahren wir nach Nordosten weiter. Der Sommer kommt zurück, und mit ihm die Frage, wie lange wir das Bett aushalten.
Chiemsee, 20. Juli. Standtag.
Nach den Pässen sind wir flach. Der Chiemsee hat etwas Anderes — die Berge sind weit zurück, das Wasser breit, die Reise plötzlich nicht mehr in der Bewegung. Der Stellplatz neben dem Campingplatz ist nicht ganz so frei, wie wir es uns vorgenommen hatten. Aber niemand sagt etwas, und das reicht.
Wir stehen sechs Tage. Wir kochen, lesen, schwimmen, schreiben Postkarten, die wir nicht abschicken. Es ist Hochsommer, sechsundzwanzig Grad, die Stille ist breit. Im Sprinter wird klar, wo seine Grenzen liegen — das Bett, das Bad, der enge Tisch, an dem man nicht zu zweit lange sitzt. Wir wissen jetzt, was wir nicht wollen.
Am dritten Abend, beim Schwimmen, kommt ein Geruch zurück, den ich seit dreißig Jahren nicht mehr hatte — Kunststoff einer Luftmatratze, die zu lange in der Sonne gelegen hat. Ich kann nicht sagen, woher das jetzt kommt, aber es ist plötzlich da. So kommt Kindheit zurück: nicht als Bild, sondern als Geruch, den man fast vergessen hat.
Am 21. Juli mache ich kein einziges Foto. Ich habe das später gesehen, in den Fotos — eine Lücke zwischen dem Sonnenuntergang am Vortag und dem Nebel am Morgen drauf. Ich erinnere mich nicht, was an dem Tag war. Vermutlich nichts. Das hätte mich als Kind beunruhigt, ein Tag ohne Tat. Heute nicht.
Am 25. Juli packen wir. Sechs Tage Stand, sechsundzwanzig Grad, kein Foto vom 21. Juli. Wir nehmen die A8 nach Westen, ohne uns zu beeilen.
Schwarzwald, 26. Juli. Vorletzter Stellplatz.
Aus Bayern kommen wir nach Baden, über die Autobahn. Wir machen Pause im Schwarzwald. Der Stellplatz ist kein Stellplatz, sondern ein Parkplatz an einer Bundesstraße, halb beschattet, leise. Wir bleiben eine Nacht.
Hier, in einem stehenden Wagen am Wegrand, machen wir die Inventur. Drei Spalten: was wir gelernt haben, was wir nicht wollten, was wir wollten.
Gelernt: dass das System-Verlassen funktioniert. Die Schranke fehlt, die Anmeldung fehlt, niemand zeigt uns einen Platz. Niemand vermisst, dass wir nicht da sind.
Nicht wollten: das Bett zu klein, das Bad zu eng, den Tisch zu kurz für zwei. Der Sprinter ist sauber gebaut, er ist nicht das Problem. Wir sind das Problem für ihn.
Wollten: mehr Wagen für dieselbe Freiheit. Das ist eine Optimierungs-Aufgabe mit zwei Variablen, und wir kennen jetzt eine davon. Die andere wird die nächste Reise mit dem nächsten Kandidaten beantworten — irgendwann, kein Druck.
Am 27. Juli geben wir den Wagen zurück. Ein Mitarbeiter prüft den Wassertank, signiert das Formular, gibt uns die Hand. Wir haben dreizehn Tage gewohnt, wo wir wollten. Wir wissen jetzt, was nicht passt. Was passt, wissen wir noch nicht.